René Scherrer

3.März 2023


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René Scherrer. Public Domain.

Ich erinnere mich gut, ich war in Postojna auf einem Familienurlaub mit meinen Eltern. Wir wollten ein paar Höhlen wieder besuchen, die wir vor 25 Jahren schon mal besucht hatten, als das noch Jugoslawien war, und so warteten wir am Sammelplatz für die Planinska Jama auf den Führer. Und dort kam ich ins Gespräch mit einem anderen Besucher, einem alten Mann, ein Schweizer. Er erzählte mir von der Karst School, die diese Woche in Postojna stattfindet und dass er teilnimmt. Und so langsam, während wir durch die Planisnka Jama wanderten, erfuhr ich Dinge, die ich nach 25 Jahren als Höhlenforscher noch nie gehört hatte. Ich meldete mich an und wir besuchten drei Tage lang die Karst School. Meine Eltern mussten sich alleine Beschäftigen, was ihnen bei Prsut und Teran nicht schwerfiel.

Ich traf René danach auf vielen Tagungen, und bald erkannte ich wie er das machte. Als Rentner mit Minimalrente hatte er eigentlich kein Geld für Reisen, aber er hatte einen Kombi. Im Frühjahr tankte er gerade soviel, dass er bis zur Schweizer Grenze kam und fuhr zur ersten Höhlentagung. Vor Ort suchte er sich einen Parkplatz mit Toilette und schlief im Schlafsack hinten in seinem Auto. Und dann ging es quer durch Europa, Mautstraßen möglichst vermeidend, zur nächsten Tagung. Er hatte einen Diesel mit erheblicher Reichweite und tankte immer dann voll, wenn er in einem Land mit niedrigem Dieselpreis war.

Ich erinnere mich an eine Karst School, ich habe im Hotel Jama (vor der Renovierung) übernachtet und er auf dem Parkplatz davor. Abends ging ich runter, um eine Zigarre zu rauchen und wir trafen uns. Ich zahlte Rotwein, der wirklich preiswert war, an einem Touricafé, der Besitzer wollte aber zu machen, weil die Schauhöhle schon zu war und die anderen Touristen weg. Ich überredete ihn uns eine Karaffe Teran dazulassen und so saßen wir in der menschenleeren Tourimeile der Postojnska Jama und tranken Rotwein und erzählten uns Anekdoten eines Höhlenforscherlebens.

Zwei Geschichten von ihm werde ich nie vergessen, und ich möchte sie hier erzählen, weil ich denke, dass sie ihn sehr gut charakterisieren. Die chinesischen Höhlenforscher, also die Akademischen, haben ihn eingeladen, um Höhlen in China zu besuchen. Sie zahlten ihm den Flug, und so packte er seinen Tornister und flog nach China. Sein Tornister war eine kleine olivgrüne Ledertasche aus Beständen der Schweizer Armee. Auf meine Frage, wo er den Schlaz und andere Höhlenausrüstung hingetan hätte meinte er trocken, das wäre kein Problem, die Chinesen hätten alles gestellt. Und seine Kleidung, fragte ich. Na ja, meinte er, er hatte einen zweiten Satz Unterwäsche und Waschzeug im Tornister. Wenn nötig hat er eben im Hotelwaschbecken gewaschen. Wenn man bedenkt wie Höhlenforscher mit Zentnerweise Ausrüstung auf Expedition gehen und er hatte eine Tasche mit 30 x 40 x 10 cm für seine Chinareise.

Noch außergewöhnlicher war die Geschichte seiner Hüftoperation. Er brauchte ein künstliches Hüftgelenk und bekam nach der Operation eine Infektion, war monatelang im künstlichen Koma an der Grenze zum Tod, wechselte das Krankenhaus und wurde schließlich wieder gesund. Beim ersten Kontrollbesuch beim Arzt meint dieser, er könnte langsam mit etwas Sport anfangen. Worauf René entgegnete, darüber wollte er sowieso reden, weil er total unzufrieden wäre. Er würde einfach nicht mehr als 1,500 Höhenmeter am Tag schaffen. Ganz verblüfft fragte der Arzt den 80-Jährigen, was er denn erwartet hätte, worauf dieser ganz entrüstet erwiderte, dass 2,700 Höhenmeter vor der Operation völlig normal waren.

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