Ferdinand Gregorovius

Wanderjahre in Italien

This excerpt of Ferdinand Gregorovius' book Wanderjahre in Italien describes how he visited the caves of Collepardo.


Aus den Bergen der Herniker

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Ich brach von Alatri auf, um die Grotte von Collepardo zu besuchen, von deren Schönheit ich mir so viel hatte erzählen lassen. Ein Gebirgspfad führt zu ihr hin; denn wenige Millien hinter der Stadt verwandelt sich der Charakter des Landes, die Kultur verschwindet, nackte rote Kalkfelsen führen in das Gebirge, dessen wilde Einsamkeit nun den Wanderer umfängt.

Ein Kohlenbrenner aus dem kleinen Gebirgsort Collepardo, welcher in Alatri seine Last abgesetzt hatte und zufällig mit mir zusammentraf, wurde mein Begleiter und Führer durch die Berge. Ich hörte gern den Erzählungen dieses gutmütigen Menschen von der Ärmlichkeit, aber Genügsamkeit des Lebens in seiner Heimat zu, obwohl sein Bergdialekt mir das Verständnis etwas schwermachte.

Die Felsenmassen wurden rauher und rauher, die Täler romantischer und wilder, und wir kamen nun über den Fluß Cosa, welcher mit Gewalt durch diese Berge herunterbraust. Sein Wasser, grünlich an Farbe wie der Inn im Engadin, wimmelt von Forellen. Diese Lebensader des Gebirgs zieht den einzigen schmalen Kulturstreifen durch die Felsenwildnis; nach einem jähen Lauf stürzt sie sich in den Saccofluß und eilt mit ihm dem Liris zu.

Hoch über der Cosa, wo sie am Fuß einer steilen Felsenwand sich durch enge Schluchten zwängt, liegt Collepardo. Nichts Melancholischeres mag man sehen: kleine Häuser aus Kalk stehen in gestreckter Reihe beisammen, durch eine bizarre Kirche unterbrochen, und eine schwarze zersplitterte Mauer zieht sich rings umher - ein Beweis, dass auch diese arme Ortschaft nicht vor dem räuberischen Feind sicher war. Wenige Gärten, Olivenbäume und Weinreben gaben hier äußerste Dürftigkeit zu erkennen; denn außer der kleinen Fläche, worauf Collepardo steht, schien ringsumher alles von Felsen zu starren. Der wackere Kohlenbrenner lud mich ein, in seinem Haus abzusteigen, was ich gern tat, da ich sonst wegen des Unterkommens in Verlegenheit geblieben wäre. Ich richtete mich in dem ärmlichen Gemach, so gut ich konnte, ein, um die Sonnenhitze vorübergehen zu lassen. Nun traf es sich mir äußerst erwünscht, dass einige Herren aus Velletri eben zu Pferd angekommen waren, welche die gleiche Absicht, die Grotte zu sehen, hierhergeführt hatte, denn so wurde es mir möglich, dieses Wunder auch bei Fackelbeleuchtung zu betrachten.

Die Höhle liegt tief unterhalb Collepardo. Eine steile Bergwand führt zu ihr hinab; hier braust der Cosafluß durch eine Schlucht; man reitet eine Zeitlang an seinem Ufer hin, welches Kastanienbäume beschatten, und hat zu beiden Seiten Felsenwände in den großartigsten Formen. Zur Linken steigt der Berg Marginato auf und streckt seine verwitterten Massen in die Luft hinaus, tiefe und schwarze Schatten in das Wasser werfend, welches um das Gestein mit Wut siedet und kocht. Rechts erhebt sich eine nicht minder abschüssige, von Baumwuchs umbuschte Felsenhöhle, in welcher eben die Grotte liegt.

Schon der Eingang zu ihr verspricht etwas Außerordentliches. Ein schwärzlicher Schlund gähnt aus finstern Blöcken hervor, und ein kalter Luftstrom scheint aus der tiefsten Tiefe heraufzuquellen. Wir hüllten uns sorgsam ein, ehe wir hinabstiegen. Die Führer mit den Fackeln waren vorausgegangen, und bald zeigten uns leichte Rauchwolken, die aus den Spalten der äußern Wand hervorstiegen, dass jene drinnen seien. Ich habe sehr viele Grotten im Gebirge gesehen und bin für diese Naturspiele im ganzen nicht mehr empfänglich; ich versprach mir daher auch nicht viel von der Grotte bei Collepardo, als ich sie betrat. Indes machte sie doch Eindruck auf mich, und dies zumal deshalb, weil sie sehr großen Raum hat. Sie besteht nämlich aus zwei Hauptteilen, gleichsam zwei ungeheuren Sälen, die in der Mitte durch eine zerrissene niedrige Mauer getrennt sind. Die Farbe der Wände und des Bodens ist schwarz oder gelbbraun; große Felsen liegen umher, die man zum Teil erklettern muß, und von den unregelmäßigen Wölbungen der Decken hängen Stalaktitenbildungen in mannigfaltigen Formen herab, während andre wieder vom Boden selbst in bizarrsten Gestalten und Gruppen ihnen entgegenzuwachsen scheinen. Die seltsamsten Gestalten haben sich in dem hintern Teil der Grotte gebildet; ihn völlig zu übersehen, ließ man uns im vordern Raum so lange warten, bis jener erleuchtet war. Denn viele Männer und Knaben hatten sich nicht allein mit ihren Fackeln hie und da aufgestellt, sondern auch große Haufen von Werg an verschiedenen Orten angezündet. Als ich nun in den so erhellten Zaubersaal hineinblickte, war es allerdings ein befremdender Anblick. Bald schien man in einen ägyptischen Tempel von schwarzen Säulen einzutreten, zwischen denen Bildwerke von Sphinxen und Göttern standen, bald schweifte man in einem Wald von steinernen Palmenkronen und andern phantastischen Gewächsen, und wieder starrten hier Lanzen und Schwerter oder hingen Rüstungen von Riesen und Zwergen von den Wänden nieder. All dies lebte und flackerte vom Schein der Fackeln, welche hier die Massen grell heraustreten ließen und dort um so mächtigere Schatten erzeugten. Die wallenden Rauchwolken zogen wie Schleier hin und wider, und durch die feuchte Luft warfen sich mit wildem Schrei die aufgestörten Fledermäuse und Nachteulen hervor. Es ist von solchen Höhlen kein Bild zu machen, denn die Einbildungskraft eines jeden sieht sie auf besondere Weise und bevölkert sie mit Phantomen. Natürlich fehlt es nicht an Benennungen einzelner besonders hervortretender Tropfsteingebilde, von denen mir nur die sogenannten »Trophäen der Römer« im Gedächtnis geblieben sind. Ohne Zweifel enthält die Höhle von Collepardo noch einen größeren Zusammenhang von Gemächern und erstreckt sich tief in den Berg hinein, aber man hat es noch nicht möglich gemacht, weiter vorzudringen.

Überhaupt finden sich in dieser Gegend viele Höhlenbildungen im Kalkgestein, die ehedem manchen Einsiedler mögen beherbergt haben. Noch im Jahre 1838 wohnte bei Collepardo in einer Grotte des nahen Berges Avicenna ein Eremit. Es erschien dort im September jenes Jahres ein junger Franzose, der sich Stefan Gautier nannte und erklärte, Eingebungen des Himmels zu folgen, welcher ihn in diese Wildnis berufen habe, um ein Anachoretenleben zu führen. Der Fremdling richtete sich in jener Höhle ein; man brachte ihm Speise und Trank, er betete und kasteite sich, und man sah ihn oft in Collepardo, in Veroli oder in der Kartause Trisulti, wo er die Kirchen besuchte und mit den Mönchen verkehrte. Seine Lebensweise war untadelhaft, ja die eines angehenden Heiligen, obwohl er noch bei jungen Jahren war. So hatte Gautier bereits zwei Jahre in jener Einsamkeit gelebt, als eines Tages Häscher seine Höhle umstellten, ihn ergriffen und gefangen mit sich führten. Niemand wußte die Ursache, und niemand konnte nachher von dem Schicksal des Eremiten eine bestimmte Kunde geben; man wußte nur, dass der Heilige in die Hände der französischen Justiz ausgeliefert worden sei; ein Gerücht sagte, er sei an einem der Attentate gegen das Leben Louis Philipps beteiligt gewesen.

Die Natur hat viel Merkwürdiges um Collepardo zusammengedrängt, denn nur eine kurze Strecke von der Stalaktitenhöhle entfernt liegt jener berühmte Brunnen Italiens, der Pozzo di Santulla, hart an der Straße nach der Kartause. Diese aber wollte ich noch vor Abend erreichen, um die Gastfreundschaft der Mönche anzusprechen. Nach einem halbstündigen Ritt zwischen Gärten und auf einer steinigen Hochfläche sah ich mich plötzlich an dem Rand einer kreisförmigen Vertiefung, welche auf das lebhafteste an die großen Latomien in Syrakus erinnerte. Bei einem Umfang von ungefähr 1500 Schritten versenkt sich dieser rätselhafte Brunnen in eine Tiefe von 150 Fuß und zeigt in seinem Grund einen dunkelgrünen Wald von Baumwipfeln und Schlinggewächsen, welche, wenn ein Lüftchen sich hinunterwagt, sanft wie die Wellen eines Sees auf- und niederschwanken. Die Sonne ließ von dem klarsten Himmel Streiflichter in diese Tiefe fallen, und ich sah weiße Schmetterlinge munter hin und her über dem versunkenen Walde spielen. Blühende Ranken hingen über den Zweigen dieser Bäume, welche, wie man versichert, mehr als 30 Fuß hoch aus der Tiefe emporsteigen und von oben gesehen dennoch nur Sträuchern ähnlich sind. Die unerreichbaren Blumen in diesem Grunde, die wilden labyrinthischen Pfade im dunkeln Dickicht, das Flattern des Geflügels, welches dort sein Wesen treibt, locken die Phantasie hinunter; sie stellt sich in diesem unterirdischen Zauberhain ein Feenparadies und einen Lustgarten für Oberon und Titania vor. Reichlich sickern dort Quellen geheimnisvollen Laufs und ernähren ein immergrünes Kraut, während dieses Becken den Tau der Nacht zu sich niederzieht. Mit Bewunderung senkt sich dann der Blick längs den Wänden in die Tiefe; in bizarren und phantastischen, tropfsteinähnlichen Formen und Figuren stürzen sie ringsum herab, überbuscht von goldblumigem Ginster und von Mastixsträuchern. Sie sind mit einem bunten Irisspiel von Farben geschmückt, denn bald ist das Gestein zart silbergrau, bald brennend rot, wieder dunkelblau, gelb und tiefschwarz. Die wilde Bergszenerie um diesen Brunnen bildet ein seltsames Theater: hier die braune Ortschaft Collepardo hinter grünen Bäumen schwermütig gelagert, dort lange Blicke in absinkende Felsentäler; weiterhin riesige Berge von majestätischen Formen, um deren nie betretene Gipfel einsame Goldadler schweben oder phantastische Nebel ihre weißen Schleier ziehen.

Wild aussehende Hirten, Sandalenmänner des Gebirgs, mit lanzenähnlichen Stäben, waren am Rande des Brunnens mit ihren Kletterziegen gelagert und brachten Leben in die große Szene, während einige kräftige Buben sich vergnügten, Steine hinabzurollen. Sie fielen mit dumpfem Gekrach in den Wald hinunter und schreckten dann die grauen Tauben aus ihren Nestern auf, so dass sie aus den Wipfeln emporschossen und verzweifelt hin und wider fuhren. Obwohl diese Hirten mir einreden wollten, dass in dem geheimnisvollen Brunnen ein Tiger sich aufhalte, so gestanden sie doch, dass sie dann und wann Ziegen an Stricken hinunterließen. Diese Tiere finden dort Wasser und Kraut in Fülle und bleiben drunten monatelang, bis sie wohlgenährt wieder heraufgeholt werden.

Läge der Pozzo in Deutschland oder in Schottland, so würde ihn die Phantasie des Volks ohne Zweifel mit den fabelhaftesten Wesen bevölkern; aber die Italiener haben im ganzen keinen Sinn für das Märchen- und Geisterhafte, weil es die Klarheit der Lüfte bei ihnen nicht gedeihen läßt. Und so war mir auch die Erzählung von dem Ursprunge dieses Brunnens charakteristisch, wie ich sie aus dem Munde der Hirten hörte, denn sie ist eine Legende. Der Pozzo, so sagten sie mir, war ehemals eine große kreisrunde Tenne; eines Tages erfrechten sich Leute, dort Getreide auszustampfen, obwohl das Fest der Assunta der heiligen Jungfrau gefeiert wurde. Die Madonna erzürnte über diesen Frevel; sie versenkte plötzlich die Tenne mit allem, was sich auf ihr bewegte, und so sei der kreisförmige Pozzo entstanden. Vulkanische Erscheinungen zeigen sich übrigens nirgend, daher mag wohl die Ansicht richtig sein, dass dieser Brunnen ehedem eine Höhle war, deren Gewölbe einstürzte. Nur ungern riß ich mich von dieser merkwürdigen Erscheinung los; ich dachte mir mit Verlangen das magische Schauspiel nächtlicher Beleuchtung, wenn der Mond durch diese große Bergwildnis schwebt, und sein dunstiges Licht von den Kraterwänden auf den Geisterwald dort unten niederquillt. Die Ziegenhirten führten mich und meinen Campagnolen auf steinigen Pfaden seitwärts weiter, bis wir die betretene Felsenstraße erreichten, welche man einschlagen muß, um nach der Kartause Trisulti zu gelangen. Diese weit und breit berühmte Abtei sollte etwa eine deutsche Meile vor uns liegen,- sie war nicht sichtbar, aber man zeigte mir oben in der hohen Bergregion, die zu ersteigen war, den finstern Streifen eines Eichenwalds, hinter welchem ich sie, ein wahres Kulturwunder des Gebirgs, finden würde. Ich erinnerte mich kaum einer wilderen und schöneren Berglandschaft, als jene war, die ich nun absteigend durchritt. Der Blick fiel bald in schwindelnde Tiefen, aus denen dumpfen Schalles das Getöse des Cosaflusses emporkam, bald erhob er sich wieder zu prächtigen Bergpyramiden, unter denen die Monna gigantisch gen Himmel ragt. Wir zogen hinunter, hie und da an grauen Felsenobelisken vorüber, welche, den Weg versperrend, sich einzeln vorgeschoben hatten, und nach einer beschwerlichen halben Stunde waren wir unten an dem Fluß angelangt. Er hat hier zwei Berggebiete durchrissen, und donnernd stürzt er seine Schaumwellen durch finstere Schluchten weiter. Die Sonne war schon hinter die Berge gesunken, sie vergoldete noch mit vorschwebender Glut die Gipfel ringsumher. Nun stiegen wir über breite Flanken des Gebirgs empor. Ich wandte mich nach jener Richtung um, von der ich gekommen war, und sah in nicht zu großer Entfernung acht bis zehn Soldaten mit raschem Schritt den von mir zurückgelegten Pfad herunterkommen. Waren es Banditenjäger? Ich bezweifelte es, denn die berüchtigte Räuberbande des Gasparone trieb ihr Wesen in diesen Bergen nicht mehr, wo man noch an mancher Stelle Räubernamen lesen soll, welche jene Briganten mit ihren Dolchen in die Felsen eingegraben haben. »Diese Soldaten«, so sagte mein kundiger Begleiter, »kommen aus Alatri zum Besuch nach der Kartause, bei den Mönchen Nachtlager und Kost zu finden. Denn Ihr müßt wissen, dass die reichen Weißkutten durch ein Gesetz gezwungen sind, jeden Wegwanderer drei Tage unentgeltlich zu verköstigen; und wenn ein ganzes Heer in ihre Kartause einrückte, so dürften sie ihr Klosterhaus ihm nicht versperren«. Da ich nun wußte, dass jene Gesellschaft, mit der ich die Grotte von Collepardo gesehen, die vorige Nacht auf Unkosten der Mönche gelebt hatte, da ich hinter mir her halbverhungerte Soldaten sah, welche schon in Gedanken das Kloster durchschwelgten, und weil ich die gleiche Absicht hegte und mir eines rücksichtslosen Hungers bewußt wurde, so stiegen mir einige Besorgnisse auf. »Komm denn, Francesco«, sagte ich, »und laß uns die Schritte verdoppeln, damit uns jene Soldaten nicht überholen und die Gesichter der Mönche für uns finster machen, wenn auch wir an ihre Türen pochen, Speise, Trank und Herberge zu begehren«. Francesco lachte, und wir trieben uns rüstig vorwärts.

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