Die Entrische Kirche


Nicht fern am Wasserfalle der Gasteinerache und der schauerlichen Klamm bei Innsbruck zeigt sich hoch oben an der Kalkfelsenwand eine Höhle, welche die Umwohner die entrische Kirche nennen, was ungefähr so viel als Riesenkirche besagt. Mächtige Riesen und wilde Männer, wie sie auch auf dem Salzburger Untersberge heimisch waren, hausten dort droben, besaßen furchtbare Stärke, warfen eiserne Pflugschaaren über das ganze Thal hinweg, neckten aber auch die drunten ziehenden Wanderer, und warfen diese mit Äpfeln, die sie von den Bäumen nahmen, welche vor ihrer Felshöle wuchsen. Bisweilen überraschten die wilden Männer auch die Thalbewohner durch unverhoffte Geschenke von Milch und Butter, die sie ihnen in alterthümlich geformten Schüsseln vor die Türen stellten.

Die Sage liebt es, Bergeshöhlen nicht selten Kirchen zu nennen, und sie mit Riesen und Heiden in Verbindung zu bringen. So ist hoch über dem Kaprunthale am Wiesbacherhorn auch eine Heidenkirche, und wie die Sage gern ihre wilden Männer und Riesen als Heiden bezeichnet, so begegnet es in Schwaben, dass auch Zwergwichtlein Heiden genannt werden.


Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg (ed) (1861): Deutsche Alpensagen, Wien 1861, Nr. 2, Seite 1


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