Ferdinand Gregorovius

Wanderjahre in Italien

This excerpt of Ferdinand Gregorovius' book Wanderjahre in Italien describes how he visited the caves of Capri.


Die Insel Capri

1853

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Zwischen den Faraglioni und der kleinen Marina wölbt sich über Kalksteinblöcken eine der geräumigsten Grotten dieser an Höhlenbildungen so überaus reichen Seeküste. Sie heißt »La grotta dell' arsenale«. Das Wasser bedeckt sie nicht, sie ist eine Erdhöhle. An ihren Wänden klebt noch römisches Mauerwerk, und es zeigen sich auch Spuren von Kammern. Nun lehrt der Name der Höhle wohl richtig, das sie einst ein Vorratshaus für die Marine war, wenn nicht auch eine Schiffswerft für die Galeeren des Tiberius, denn sie ist hoch genug, und an ihrem Eingange sieht man auch manche Spur des Eisens, welches das Gestein bearbeitet hat. Der Ort heißt »L'unghia marina«. Manche Reste alter Gemäuer zeigen sich hier, am steinigen Ufer wie auf der Höhe. Auch am Kap Tragara, um welches die Faraglioni und die Klippe Monacone im Wasser stehen, erblickt man antikes Gemäuer. Wohl befand sich hier zur Zeit des Tiberius ein kleiner Port. Vielleicht führte ein bedeckter Gang von der darüber gelegenen Villa des Berges Tuoro zu dem Hafen, wo für Fälle der Not gerüstete Galeeren lagen. Denn auch auf dieser Inselscholle schwebte der Tyrann in steter Furcht und hatte alle Anstalten getroffen, dass er zu jeder Zeit seewärts entfliehen konnte.

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Die nahe Ostküste der Insel steigt zur Höhe von 970 Fuß auf und stürzt senkrecht ins Meer, so dass auf dem höchsten Uferrand die Villa des Zeus liegt. Hier ist das ganze Ufer von furchterregender Wildheit. Geht man vom Tuoro grande zuerst durch das kleine Tal Matromania nach der südöstlichen Seite, so gelangt man an eine Stelle, wo sich die Küste in einem Winkel von den steilsten Linien zusammenzieht. Da blickt man in einen phantastischen Wald von Felszinken, die das Ufer in greulicher Verwirrung umstarren. Mitten dazwischen öffnet sich ein Fels zu dem prachtvollsten Bogen, dem Arco naturale. Nächst der Blauen Grotte ist er die überraschendste Einzelmerkwürdigkeit der Insel. Tief unten das Meer, schwarz verschattet, hoch oben der Himmel, rings rotbraune Klippen, über dem Meer der magische Anblick des Kaps der Minerva und der Küstenberge von Amalfi und Salerno.

Hier führt eine schroffe Stiege hinab, wo mitten im Ufer eine tiefe, schöne Grotte sich auftut, die rätselhafte Matromania. Sie hat ungefähr 55 Fuß Breite und 100 Fuß Tiefe, ein Werk der Natur, wurde sie doch von Menschenhand erweitert; schon am Eingange sieht man römisches Gemäuer, und im Innern hängt noch Mauerwerk an den Wänden. In der Tiefe erheben sich im Halbkreise zwei Aufmauerungen gleich Sitzen übereinander; mitten hindurch führten Stufen, wahrscheinlich zu der Nische des Gottes, dessen Bildsäule hier aufgestellt war. Alles spricht dafür, dass man die Zelle eines Tempels vor sich habe.

Der Name Matromania, den die Grotte führt und das Volk in bewußtloser Ironie zu Matrimonio verdreht hat, als ob Tiberius hier seine Hochzeiten vollzogen hätte, wird erklärt aus »Magnae Matris Antrum« oder aus »Magnum Mithrae Antrum«. Dies Heiligtum war dem Mithras geweiht; denn man fand in der Grotte eines jener zahllosen Reliefs, welche das Mithrasopfer darstellen. In den Studien zu Neapel sah ich zwei dieser Vorstellungen; das eine Relief wurde in der Grotte des Posilip gefunden, das andere in der Matromania. Sie stellen Mithras in persischer Tracht vor, kniend auf dem Stier, in dessen Hals er das Opfermesser stößt, während Schlange, Skorpion und Hund den Stier verwunden. Zu dem mystischen Sonnendienst war diese Grotte Capris wohl geeignet; sie schaut gen Osten, und wer aus ihrer Tiefe Helios aufsteigen sieht und das Purpurglühen der Berge und des Meeres betrachtet, der wird hier wahrlich zum Sonnenanbeter.

In dieser Höhle machte man einen geheimnisvollen Fund, eine Marmortafel mit griechischer Grab-Inschrift, welche also lautet:


Die ihr das stygische Land, ihr guten Dämonen, bewohnet,
Nehmt auch mich nun auf, den Unseligen nehmt in den Hades,
Den nicht Moiras Gebot fortraffte, die Herrschergewalt nur
Jählings traf mit dem Tod, da schuldlos nimmer ich's ahnte.
Eben noch häuft' auf mich der Geschenke so manches der Cäsar,
Aber er hat nun mir und den Eltern vernichtet die Hoffnung.
Noch nicht funfzehn hab' ich erreicht, nicht zwanzig der Jahre,
Ach! und ich schaue das Licht nicht mehr des erleuchtenden Tages.
Hypatos bin ich genannt; dich ruf' ich noch an, mein Bruder,
Eltern, ich flehe zu euch: O weint nicht länger, ihr Armen!

Von welcher schrecklichen Tat spricht in so mysteriösen Worten diese Grabschrift eines Knaben? Hier ist ein Roman von Capri angedeutet. Des armen Hypatos Los ist verschollen, doch ich weiß es. In einer dämonischen Stunde opferte Tiberius seinen Lieblingsknaben der Sonne, hier in dieser Höhle, hier vor dieser Zelle. So opferte später Hadrian den schönen Antinous dem Nil. Damals waren Menschenopfer, wenn auch nicht häufig, so doch immer noch in der Gewohnheit, und am meisten brachte man sie dem Mithras dar.

Ja, könnte diese Höhle den Mund auftun, und wollten diese starren Klippen zu reden anfangen, grause Fabeln des Altertums würden sie zu berichten haben.

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Wenig tiberische Ruinen sind in Ana-Capri aufzufinden; der Weinbauer hat sie hinweggetilgt, auch standen hier weniger Gebäude als auf Capri. Die meisten Reste von Altertümern hat die Ebene Damecuta, ein fruchtbares Land, welches zur Küste sanft niedersteigt und in dessen Ufer die Blaue Grotte liegt. Es ist eigentümlich, dass Ober-Capri trotz seiner Höhe doch niedrigere Küsten besitzt als Unter-Capri; denn der hohe Berg senkt sich lang hingestreckt nach Westen wie nach Norden ins Meer, aber dennoch ist das Ufer weder der Barke noch dem Menschenfuß zugänglich, strandlos, hafenlos und dem Schiffbrüchigen sicheres Verderben bringend.

Der Turm Damecuta bezeichnet ungefähr die Stelle, wo unten am Ufer die nun weltberühmte Blaue Grotte liegt, das Wunder Capris, doch nicht das einzige dieser sirenischen Insel. Von dem Tage, da sie entdeckt wurde, erzählt mir mein Wirt Michele ausführlich. Er machte damals die Unternehmung als Knabe mit. Es waren sein verstorbener Vater Giuseppe, August Kopisch, der Maler Fries und der Schiffer Angelo Ferraro, welche es wagten, in diese Grotte einzudringen. Alle sind sie nun tot, nur Michele weiß von der Entdeckung zu erzählen. Ein Onkel Paganos, Priester auf Capri, ermahnte die Gesellschaft, von dem Versuch abzustehen, denn die Höhle sei der Aufenthalt böser Geister, und viele Seeungeheuer hausten in ihr. Auch war das Eindringen schwierig, weil es vor der Entdeckung keine einzige kleine Barke auf der Insel gab. Es drang also Angelo auf einer Wanne ein, Kopisch und Fries schwammen. Mein Wirt beschrieb mir lebhaft das Jauchzen beider Maler, als sie in der Grotte waren, und zumal, sagt er, war Fries wie von Sinnen, er schwamm bald heraus, bald hinein, und immer mit Jubel und mit Jauchzen. August Kopisch hatte keine Ruhe, er eilte sofort nach Neapel und holte seine Freunde, und so tat er ab und zu. Pagano bewahrte ein altes Fremdenbuch wie eine Reliquie; darin hat Kopisch unter dem 17. August 1826 folgende Entdeckungsurkunde hineingeschrieben:

»Freunde wunderbarer Naturschönheiten mache ich auf eine von mir nach den Angaben unsers Wirts Giuseppe Pagano mit ihm und Herrn Fries entdeckte Grotte aufmerksam, welche furchtbarer Aberglaube jahrhundertelang nicht zu besuchen wagte. Bis jetzt ist sie nur für gute Schwimmer zugänglich; wenn das Meer ganz ruhig ist, gelingt es wohl, mit einem kleinen Nachen einzudringen, doch ist dies gefährlich, weil die geringste sich erhebende Luft das Wiederherauskommen unmöglich machen würde. Wir benannten diese Grotte die blaue (»la grotta azzurra«) weil das Licht aus der Tiefe des Meeres ihren weiten Raum blau erleuchtet. Man wird sich sonderbar überrascht finden, das Wasser blauem Feuer ähnlich die Grotte erfüllen zu sehen; jede Welle scheint eine Flamme. Im Hintergrund führt ein alter Weg in den Felsen, vielleicht nach dem darüber gelegenen Damecuta, wo der Sage nach Tiber Mädchen verschlossen haben soll, und es ist möglich, dass diese Höhle sein heimlicher Landungsplatz war. Bis jetzt ist nur ein Marinaro und ein Eseltreiber so herzhaft, diese Unternehmung mit zu wagen, weil allerhand Fabeln von dieser Höhle im Umlauf sind. Ich rate aber jedem, sich vorher mit diesen beiden des Preises wegen zu verständigen. Der Wirt, welchen ich seiner Kenntnis der Insel wegen empfehle, will einen ganz kleinen schmalen Nachen bauen lassen, womit dann bequemer hineingefahren werden könnte. Bis jetzt will ich es nur guten Schwimmern raten. Sie ist des Morgens am schönsten, weil nachmittags das Tageslicht stärker und störender hineinfällt und der wunderbare Zauber dadurch gemindert wird. Der malerische Eindruck wird noch erhöht, wenn man, wie wir, mit flammenden Pechpfannen hineinschwimmt.«

Der treffliche Kopisch hat sich auf diesem Eiland ein herrliches Denkmal entdeckt, und mir ist es, als wäre die wunderbare Grotte deutsches Eigentum und deutsches Symbol. An dieser Stelle verweben sich mit jenem Dichtermaler viel Erinnerungen auch an Tieck, an Novalis, an Fouqué, an Arnim, an Brentano, die nun alle heimgegangen sind bis auf Eichendorff und bis auf Heine, den letzten verwunschenen Prinz dieser Dichterschule. Wir wollen denn als Grabesspenden aus dem blauen Feuerwasser von Capri einen Weiheguß auf die Gräber jener toten Dichter gießen. Denn von dieser Grotte haben sie alle geträumt, und wahrlich, es konnte der Preis ihrer Auffindung auch nur einem Maler und Dichter zukommen, aus der Zeit derer, welche die blaue Wunderblume der Poesie suchten bei den Undinen in der Tiefe, bei der Frau Venus im Berge und in den unterirdischen Grotten der Isis. Sie waren alle liebenswürdige kleine und große Kinder, Knaben mit dem Wunderhorn. Ihr Hoherpriester Novalis sieht aus wie ein schöner, bleicher Knabe, der sich in das lange Predigergewand seines toten Urgroßvaters gesteckt hat und mystische Weisheit redet, von der niemand weiß, wie das Kind dazu gekommen sei. Ihre Muse aber ist eine Sirene. Sie wohnt in der Blauen Grotte auf Capri, der Insel des grausamen Wollüstlings Tiberius. Sie haben alle ihren herzbewegenden Gesang gehört, und keiner hat sie gefunden, sie haben sie alle gesucht und sind vor Sehnsucht nach der blauen Wunderblume gestorben. Goethe hat es ihnen prophezeit in dem »Fischer«: »Halb zog sie ihn, halb sank er hin und ward nicht mehr geseh'n.« Und nun, da die blaue Wunderblume, nämlich die blaue Wundergrotte, denn das war das unbekannte Mysterium, gefunden ist, ward der Zauber gelöst, und kein Lied der Romantiker wird mehr gehört werden in deutschen Landen.

Als ich in die Grotte einfuhr, war es mir, als wäre ich in eins jener Märchen zurückgekehrt, in die man sich als Kind hineinlebt. Welt und Tag sind auf einmal verschwunden, und da ist man in der wölbenden Erde und in einem Dämmer von blauem Feuerlicht. Die Wellen atmen still und perlen Funken empor, wie als sproßten aus den Tiefen blitzende Smaragde und rote Rubinen und tausend Karfunkelsteine auf. Geisterhaft blau sind die Wände und mysteriös anzusehen, wie Paläste von Feen. Es ist Schein von fremdem Wesen und von fremdem Geist, ganz wunderbar, heimlich und unheimlich zugleich. Alles ist still wie in einer Schattenwelt, da niemand auch nur reden mag. Du jauchzest zuerst auf, dann bist du still, und es schallt nur das plätschernde Ruder oder das Kichern der Wellen, welche Phosphorkränze um die Felsenwände schlingen. Das blaue magische Wasser lockt unwiderstehlich. Man muß hinabspringen, und man taucht sich wie in ein Lichtmeer nieder.

Ja, ich glaube wohl, dass Tiberius hier badete und unter den schönen Mädchen seines Harems umherschwamm, wie Sueton erzählt. In dieser wollüstig strömenden Phosphorflut glühten dann die Mädchenleiber wie strahlende Leiber von Meerfeien, und nicht hat hier Sirenengesang und Flötenspiel gefehlt, um solches Bad zu einem unsagbaren Wollustspiel zu machen. Ich sah auf einer griechischen Vase eine Sirene gemalt, ein wunderliebliches Wesen, das hebt beide lilienweiße Arme auf, kichert und schlägt zwei blitzende Erzbecken zusammen. So kommen hier die Sirenen aus der blauen Feuerglut herauf, schlagen die Erzbecken zusammen, kichern und tauchen auf und unter. Aber nur Sonntagsmenschen sehen sie und kleine Kinder.

Man muß über den Reichtum dieses Eilandes an Grotten sich verwundern. Erdgrotten und Meergrotten, seltsam geformt und alle schön, gibt es hier so viele, dass man nicht alle kennenlernen kann. Ich bin in mehr als fünfzehn dieser Grotten eingedrungen und habe darunter auf der südlichen Seite eine kleine gefunden, welche genau die blauen Lichteffekte der »Grotta azzurra« zeigt. In andern findet man grüne Lichter, je nach der Beschaffenheit des Grundes, in weißlichem Feuer phosphoreszierend, zumal in der »Grotta verde«, der herrlichsten Capris durch ihre prächtig gewölbte Architektur und die Umfassung grandioser Felsenzinnen. Sie ist nicht ganz unterirdisch bedeckt, sondern hat eine Felsendurchfahrt von einer Seite zur anderen.

Einige dieser Grotten haben Namen, wie die Marmolata, die Marinella, andere sind namenlos. Ich machte mir das Vergnügen, alle die namenlosen, die ich besuchte, zu benennen, ohne den Ruhm eines Höhlenentdeckers zu beanspruchen. Und so weiß ich nur allein, wie schön es ist in der Grotte »Stella di Mare«, in der meerblumengeschmückten Grotte »Euphorion«, in der Grotte der Meerspinne, deren Wände gelb sind und deren Gestein, wo es die Welle benetzt, rosig, samtgrün und weißlich schimmert. In einer Grotte war es ein Wogenschlürfen und ein anapästisches Wellenschlagen, so dass ich sie den Eumeniden geweiht habe. Alle liegen sie vom Ufer des Solaro bis hinaus über die Faraglioni, unscheinbar außen, da ihre Mündung oft dem oberflächlichen Blick entgeht, drinnen hochgewölbig, dunkel, wellenstill, von Meerspinnen, Seeigeln, Meersternen bewohnt, eine zauberische Geistereinsiedelei.

Es ist höchst belohnend, die ganze Insel zu umfahren. Man braucht dazu drei Stunden und kann in dieser Zeit auch einige Grotten besuchen. Die Westküste hat die Höhlenbildung nicht, denn hier sinkt das Ufer vom Solaro nieder zwischen beiden Kaps Punta di Vitareto und Punta die Carena. Es sendet dort drei niedrige, doch schroffe Spitzen aus, Campetiello, Pino und Orica, welche mit Schanzen bewehrt sind. Und hier war auch die Stelle, wo die Muratisten bei Nacht die Felsen erklommen. Rudert man aber um die Carena, so wird das Südufer plötzlich furchterregend hoch und steil; die gigantischen Felsen steigen senkrecht vom Wasserspiegel auf bis in das Gewölk, welches ihre Gipfel umspinnt. So geht die Südküste fort bis zur Punta Tragara, und nicht minder erhaben, bizarr und wild zugleich ist die ganze Ostküste bis zum Lo Capo, dem Nordostkap der Insel. Hier ist das Ufer voll von stalaktitischen Höhlenbildungen.

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